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Ein Land mit langer Gewalttradition fällt zurück

Kolumbien hat eine lange Tradition, politische Konflikte gewaltsam auszutragen.

1948-58 kämpften die politischen Parteien von Liberalen und Konservativen mit Waffen gegeneinander. Die Folge waren bis zu 300.000 Tote.

Später kämpften linke Guerillas von ELN und Farc gegen Armee und staatlich unterstützte rechte Paramilitärs und Todesschwadronen. Wieder starben Hundertausende. Erst nach einem langen und Friedensprozess einigten sich die politischen Kräfte darauf, den Wettbewerb mit friedlichen Mitteln auszutragen.

Das Gewaltpotenzial schlummert aber weiter, weil sich die politische Elite Kolumbiens weigert, soziale Reformen zuzulassen. Ohne wird es aber nicht mehr gehen.

Nun auf friedlich demonstrierende Bürger zu schießen kann das Land erneut in einen Schlamassel von Blutvergießen stürzen.

Kolumbien hat mit die größte Ungleichverteilung

Kolumbien hat mit die größte Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen nicht nur in Südamerika sondern im Vergleich zur gesamten Welt.

Es gibt eine kleine, reiche Schicht, die ihr Vermögen nicht durch Leistung sondern durch vererbte Privilegien und durch exklusiven Zugang zur staatlichen und wirtschaftlichen Macht zusammengerafft hat. Auf der anderen Seite eine große Zahl von Menschen, die mit Hungerlöhnen nie auch nur ein kleines Vermögen erarbeiten konnten.

Das schafft in keinem Land der Welt sozialen Frieden. In Kolumbien schon mal gar nicht.

Erneut Tote bei regierungskritischen Protesten in Kolumbien...

Auslöser war die geplante und inzwischen zurück gestellte Steuerreform. Die Mehrwersteuer wollte man erhöhen und den steuerplichtigen Anteil, ab dem Löhne besteuert werden absenken.
1 Prozent der Bevölkerung besitzen 81 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens.

31 Prozent der importierten Steinkohle in Deutschland stammt aus Kolumbien.
Für den Kohleabbau werden Dörfer ausgesiedelt/vertrieben (Seite attac, medico international).

protestiert bekommt die „harte Hand“ des Staates zu spüren.

Das ist bekanntlich nicht nur in Kolumbien so, sondern ein weltweit zu beobachtendes „Phänomen“.

Und da die Ärmsten - und damit Wehrlosesten - am meisten unter diesen Folgen zu leiden bzw. den meisten (legitimen) Grund zu protestieren haben, trifft die staatliche Gewalt sie regelmäßig auch am härtesten. Eigentlich logisch: Die „Reichen und Mächtigen“ haben am meisten zu „verlieren“ bzw. zu „verteidigen“.

Den Grund für diesen „Verteidigungsbedarf“ hat Bert Brecht 1934 trefflich auf den Punkt gebracht:

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“

Grauenvoll was mit welcher

Grauenvoll was mit welcher Brutalität die Regierung da gegen Demonstranten vorgeht. Was mich allerdings ein wenig verwundert ist die doch eher zurückhaltenden Berichte darüber. Ich höre keine klaren Verurteilungen der Regierung mit gleichzeitiger Androhung von Sanktionen. Ich lese nicht vom brutalen Regime das seine Bevölkerung beschießt. Bei mir kommen dann immer Fragen auf wo der Unterschied zu anderen Länder und deren Regierungen ist die ihr Volk unterdrücken.

Am 29. Mai 2021 um 09:53 von MRomTRom

Vielen Dank für Ihre Einschätzung obgleich „Schlamassel“ mehr als zynisch für das Ausmaß der Konflikte ist. Ich versuche mir immer auch vorzustellen, wie es der normalen Bevölkerung da geht, aber das ist für jemanden, der hier aufgewachsen ist, außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Das ist auch der Grund, warum Beiträge in den ""sozialen Medien"", die insinuieren ihr Leben in Deutschland sei doch auch nicht anders als bspwse. Belarus, einfach nur erschreckend finde. Seit wann sind wir uns noch nicht einmal mehr einig in einer Demokratie zu leben? Wenn noch nicht einmal das mehr da ist bleibt kaum Möglichkeit für einen Dialog, so viele Werte und Sicherheiten gibt es nur in einer Demokratie.

09:26 von MRomTRom

«Ein Land mit langer Gewalttradition fällt zurück.
Kolumbien hat eine lange Tradition, politische Konflikte gewaltsam auszutragen.»

Man kann in diese "Gewalttradition" auch noch "Los Narcos" einrechnen. Das Medellin-Kartel, das Cali-Kartell. Gegenseitig spinnefeind, verfeindet mit dem Staat, gar keine Freunde der FARC. Obwohl es da in einigen Bereich so was wie Duldung & Zusammenarbeit gab. Los Narcos … ein weiterer Staat im Staat.

Pablo Escobar und seine Gang. Einst zündeten sie eine Bombe in einem Linienflieger, um einen unliebsamen Präsidentschaftskandiat zu ermorden. Der war gar nicht eingestiegen … aber zu spät für die Bombe. Die detonierte trotzdem. John Jairo Velásquez Vásquez alias "Popeye". The Killer des Kartells, der vor kurzer Zeit verstarb. Er konnte brilliant erzählen wie es war und ist mit Los Narcos in KOL.

Heute nicht mehr ganz so gewalttätig wie einst.
Aber immer noch mehr als übel genug.

KOL sei das landschaftlich schönste Land in ganz S-AME.
So sagen viele.

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10:27, Bernd Kevesligeti

>>Erneut Tote bei regierungskritischen Protesten in Kolumbien...
Auslöser war die geplante und inzwischen zurück gestellte Steuerreform. Die Mehrwersteuer wollte man erhöhen und den steuerplichtigen Anteil, ab dem Löhne besteuert werden absenken.
1 Prozent der Bevölkerung besitzen 81 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens.

31 Prozent der importierten Steinkohle in Deutschland stammt aus Kolumbien.
Für den Kohleabbau werden Dörfer ausgesiedelt/vertrieben (Seite attac, medico international).<<

Sie meinen aber nicht, daß die Proteste von finsteren ausländischen Mächten orchestriert oder zumindest instrumentalisiert würden?

10:46 von schabernack

Gute Beschreibung, volle Zustimmung.

10:29 von Nettie

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“
.
klingt immer schön !
aber hat das mit der Realität unbedingt zu tun ?
ob die Aldibrüder jetzt 5 oder 50 Mrd besitzen
das muß auf mein Ein und Auskommen keinen Einfluß haben

10:29, heribix

>>Grauenvoll was mit welcher Brutalität die Regierung da gegen Demonstranten vorgeht. Was mich allerdings ein wenig verwundert ist die doch eher zurückhaltenden Berichte darüber. Ich höre keine klaren Verurteilungen der Regierung mit gleichzeitiger Androhung von Sanktionen. Ich lese nicht vom brutalen Regime das seine Bevölkerung beschießt. Bei mir kommen dann immer Fragen auf wo der Unterschied zu anderen Länder und deren Regierungen ist die ihr Volk unterdrücken.<<

Ich blicke auf 40 Jahre Berichterstattung über Kolumbien zurück. Es tritt wohl beim Nachrichtenkonsumenten ein gewisser Gewöhnungseffekt ein.

Ich empfehle sehr, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen, und auch mit der Beziehung zum Nachbarland Venezuela.

Mit Belarus, worauf Sie wohl anspielen, hat das alles wenig Gemeinsamkeiten. Eingriffe in den internationalen Luftverkehr gab es jedenfalls nicht. Regimes, die innenpolitisch unter Druck sind und Demonstranten knüppeln gibt es auf der Welt wie Sand am Meer.

12:25, Mass Effect

>>10:46 von schabernack
Gute Beschreibung, volle Zustimmung.<<

Da schließe ich mich an.

Und auch die Beiträge von „ MRomTRom“ am Anfang des Threads sind sehr sachkundig geschrieben und höchst lesenswert.

12:34 von fathaland slim 10:29, heribix

Kann ihnen da nur Zustimmen!

12:34, Sisyphos3

>>10:29 von Nettie
„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“
.
klingt immer schön !
aber hat das mit der Realität unbedingt zu tun ?
ob die Aldibrüder jetzt 5 oder 50 Mrd besitzen
das muß auf mein Ein und Auskommen keinen Einfluß haben<<

Es sprach der Herr zum Knecht: „Es geht mir heut sehr schlecht!“
Da sprach der Knecht zum Herrn: „Das hört man aber gern!“

Mehr möchte ich zu diesem etwas threadfremden Thema nicht beitragen.

von fathaland slim 12:20

Welche finsteren ausländische Mächte sollen da sein ?
Es geht ja eher um die sozialen Verhältnisse, aus denen die Proteste erwachsen.
Ausländische Mächte sagen ja nichts zu den Verhältnissen (keine Sanktionen).

10:41 von Zweispruch

Ich versuche mir immer auch vorzustellen, wie es der normalen Bevölkerung da geht, aber das ist für jemanden, der hier aufgewachsen ist, außerhalb jeder Vorstellungskraft.
.
wie die empfinden ?
für die ist das der "Normalzustand"
Das soll jetzt weiß Gott nichts beschönigen oder rechtfertigen
Aber wenn in Staaten wegen mir Venezuela, Kolumbien, El Salvador 30 .... 70 Morde/100.000 Einwohner registriert werden
aber in Bangla Desh oder Ghana "nur" 2 Morde/100.000 Einwohner ,
die doch mindestens ebenso bettelarm sind müssen doch auch andere Gründe mitspielen
Auch das mit Demokratie in Verbindung bringen zu wollen ?
In "Vorzeigedemokratien wie" Hongkong von 0,3 und China 0,6 den Emiraten 0,5, aber in den USA 5,0 und in Japan ne Rate von 0,2
dann ist das nicht nachvollziehbar

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