Ihre Meinung zu: Patienten in Psychiatrien oft wenig geschützt

30. September 2019 - 12:46 Uhr

Die Kontrolle des Patientenschutzes in psychiatrischen Krankenhäusern ist nach Recherchen vom Report Mainz und defacto häufig mangelhaft: Kontrolleure kommen oft angemeldet und haben keine Sanktionsmöglichkeiten.

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Kommentare

Wie so oft...

Gute Pflege kostet Geld.

Man braucht genügend Personal. Das Personal muss gut ausgebildet sein und dann auch weiterhin gut geschult werden.

Und speziell für die Psychiatrie gilt:
Zwar kann es auf geschlossenen Stationen erforderlich sein, Zwangsmassnahmen anzuwenden, aber auf Dauer ist entscheidend, dass deren Anwendung, gerade auch im Hinblick auf die Nachverarbeitung durch die einzelnen Mitarbeiter und ganze Teams, regelmäßig supervidiert wird.

Auch hier wieder: Eine Frage von Geld und Ausbildung.

Wie will die Politik die Weichen stellen?

Patienten in Psychiatrien haben eben keine Lobby

"Dabei schreiben die meisten Psychiatrie-Gesetze der Länder vor, dass Besuchskommissionen in der Regel unangemeldet in der Klinik erscheinen sollen, um so vor allem die Rechte zwangsweise untergebrachter Patienten zu sichern"

Wieso ist so etwas dann trotzdem möglich:
"(...) defacto häufig mangelhaft: Kontrolleure kommen oft angemeldet und haben keine Sanktionsmöglichkeiten"?

Wahrscheinlich, weil solche Menschen in einer Gesellschaft, die bzw. deren Wirtschaft aus Sicht ihrer „Führung“ auf dem Prinzip beruht, dass alle Mitglieder „ordnungsgemäß“ zu funktionieren haben de facto "abgemeldet" sind.

Wie diese ehemalige Patientin einer psychiatrischen Klinik erkannt hat "(...) erklärt sie: "Besuchskommissionen sind heute nicht Anwalt der Patienten, sondern es erscheint mir oft als Pflichtübung". Und dreimal darf man jetzt raten, wem gegenüber die sich "verpflichtet" fühlen.

"Jedes fünfte Protokoll unterschreibe ich nicht weil (...)"
Richtig so. Geht ja meist nur um Papier (und Zahlen).

Kaputtes system

Mir ist bis heute unklar, warum wir , nach amerikanischem Vorbild, die Gesundheit dem Kommerz anheimfallen lassen mussten.

Es ist ein Armutszeugnis, dass es in unserem Land immer mehr davon abhängt wie wohlhabend man ist, ob und ja wie gut einem geholfen wird.
Warum muss ein Ort der Kranke gesund machen soll, ein Krankenhaus massive Gewinne erwirtschaften?

Jeder Cent der als Gewinne an meist ohnehin schon unanständig reiche Menschen fließt, fehlt dann beim Personal oder der Medizinischen Forschung.

Dass das System kurz vor dem Scheitern steht sieht man doch deutlich an der Antibiotikakriese....

Wird regulierend eingegriffen?
Nein denn daran haben die Geldgeber der Politik, die Lobbys kein Interesse.
Denn der Standardlobbiest läuft außerhalb der Monstrosität die sie erschaffen haben und ist idR. top versorgt.

die Wirtschaftlichkeit steht über allem

Man unterhalte sich mal mit Ärzten und Pflegepersonal in psychiatrischen Einrichtungen. Da wird sehr schnell deutlich, wo der Hase lang läuft.
Auch in der Psychiatrie muss kostendeckend gearbeitet werden, wenn nicht sogar auf Überschüsse geschielt wird. Die Kontrolleure kommen nicht unangemeldet, weil das Netzwerk zwischen Kliniken und Kontrolleinrichtungen eben gut funktioniert. Ehemalige Patienten sind nur stellenweise in den Aufsichtsgremien vertreten, aber nur sie würden eine Kontrolle im Interesse der Patienten wirklich sicherstellen.
Patienten in psychiatrischen Kliniken sind die hilflosesten überhaupt. Wenn es keine Angehörigen gibt, die ab und zu nach ihnen schauen, sind sie dem System ohnmächtig ausgeliefert. Ein Richter unterschreibt in der Regel ohne große Fragen einen von der Klinik beantragten Beschluss, der das Fixieren oder Sedieren eines Patienten erlaubt. Für den Patienten ist dagegen der selbe Richter, der seine Rechte sichern müsste, unerreichbar.

@frosthorn 15.56

Patienten in psychiatrischen Kliniken sind die hilflosesten überhaupt. Wenn es keine Angehörigen gibt, die ab und zu nach ihnen schauen, sind sie dem System ohnmächtig ausgeliefert. "
Das ist leider so! Ich war als Zivi mit für die psychiatrische Abteilung zuständig. Massenweise "Drehtürpatienten", die oft ohne familiären Anschluss waren. Und wenn man an den Fall Gustl Mollath denkt- ein Albtraum

Was spricht gegen Profitabilität?

@ Deeskalator:
Mir ist bis heute unklar, warum wir , nach amerikanischem Vorbild, die Gesundheit dem Kommerz anheimfallen lassen mussten.
Dass das System kurz vor dem Scheitern steht sieht man doch deutlich an der Antibiotikakriese....

Die Entwicklung von Antibiotika muss profitabel sein, sonst gibt es schlicht weg keine neuen Antibiotika. Übrigens sind sozialistische Volkswirtschaften da noch wesentlich schlechter aufgestellt. In China, Vietnam, Venezuela oder Kuba gibt es gar keine Entwicklung von Antibiotika, die verlassen sich alle auf westliche Staaten.

@deutlich..

Gerade der Fall Mollath hat dafür gesorgt, dass bis zur Einrichtung einer Zwangsmedikation für verweigernde Patienten Wochen und Monate vergehen, in denen sich psychotisches Verhalten und Gedanken verfestigen und oft genug Gewalt gegen das Personal vorkommt, was leider allzu oft in Fixierungen endet.

Was sollen wir dort Beschäftigen sonst tun? Uns erschlagen lassen?
Immer beide Seiten beachten..

meint der Fachpfleger mit ü30 Jahren Berufserfahrung in der Geschlossenen

@frosthorn, 15:56

"die Wirtschaftlichkeit steht über allem"

Nicht die Wirtschaftlichkeit, das Geld.
Ist - entgegen weitverbreiteter Annahme - n i c h t dasselbe.

"Ein Richter unterschreibt in der Regel ohne große Fragen einen von der Klinik beantragten Beschluss, der das Fixieren oder Sedieren eines Patienten erlaubt. Für den Patienten ist dagegen der selbe Richter, der seine Rechte sichern müsste, unerreichbar"

Da wäre es eigentlich wirtschaftlicher (weil es Bürokratieaufwand spart), wenn das Klinikpersonal diesen Beschluss gleich selbst unterschreiben würde. Käme für den Patienten ohnehin aufs gleiche raus.

Wahrscheinlich stünden seine Chancen wegen der dann fehlenden "Rückabsicherung" sogar besser, Klinikpersonal, das sich nicht an die (ohnehin bestehenden und für jeden verbindlichen) Regeln medizinischer Ethik und ärztlicher wie Eigenverantwortung hält später einmal zur Verantwortung ziehen zu können. Wofür es dann wahrscheinlich wegen des wegfallenden "Drucks von oben" eh weniger Anlass gäbe.

@ 91541matthias 16.46

natürlich nicht erschlagen lassen und auch sonst nicht angreifen lassen. Das wollte ich mit dem Beispiel Mollath sicher nicht sagen, sondern dass hier ein Mensch völlig chancenlos den Gutachtern und dem System ausgeliefert war. Natürlich muss das Pflegepersonal vor aggressiven Patienten geschützt werden.

Patienten in der geschlossenen Psychiatrie

Auch ich bin langjähriger Fachpfleger in einer geschlossenen Psychiatrie und krieg jedes Mal einen Hals, wenn das große Gejammer über die armen, eingesperrten, rechtlosen Patienten beginnt.
Die meisten Menschen haben nicht den Hauch einer Ahnung was auf solchen Stationen abgeht.
Ich werde bespuckt, gekratzt, beschimpft und beleidigt und wenn ich unaufmerksam bin und Pech habe, gibt`s auch was auf die Fresse.
Fakt ist, wie schon beschrieben, dass durch die Mollath-Affäre sich viele Verantwortliche ( i.d.R. aus rechtlichen Erwägungen) ins Hemd machen und eine evtl. dringend nötige Zwangsmaßnahme, ewig hingezogen wird, worunter der Pat. und natürlich auch wir, zu leiden haben.
Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass es kein großes Vergnügen ist, einen paranoiden, tobenden und um sich schlagenden Menschen zu fixieren, damit er sich und uns nicht Schaden zufügen kann.
Was dem Herrn Mollath passiert ist, tut mir natürlich sehr leid und ist in keinster Weise zu rechtfertigen!

@armer Zeitgeist, 17:48

Fakt ist, wie schon beschrieben, dass durch die Mollath-Affäre sich viele Verantwortliche ( i.d.R. aus rechtlichen Erwägungen) ins Hemd machen und eine evtl. dringend nötige Zwangsmaßnahme, ewig hingezogen wird, worunter der Pat. und natürlich auch wir, zu leiden haben.

Darauf habe ich, offen gesagt, schon gewartet: Zwangsmaßnahmen dienen also nur dem Wohl der Patienten, sie leiden sogar darunter, wenn sie nicht fixiert oder sediert werden. Interessant.

Auch die Formulierung "viele Verantwortliche machen sich jetzt ins Hemd" klingt mir sehr nach "jetzt kümmert man sich vor lauter Angst schon um die Patienten".
Sie bestätigen nicht nur recht deutlich, dass die Patienten tatsächlich recht- und hilflos sind, sondern sie erklären das sogar noch zur Notwendigkeit, und bezichtigen diejenigen, die das kritisieren, der "Ahnungslosigkeit". Ich bin schockiert.

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